Nach unserem verrückten Erlebnis des Vorabends geht die Reise am nächsten Morgen weiter zu den faszinierenden Dünen der Erg Chebbi, einer der beiden großen Sandwüsten Marokkos. Nach einer schier endlosen, staubigen Straße und geschätzten zwölf Panikattacken am Rande mehrerer hundert Meter tiefer Schluchten später, erreichen wir gerade noch rechtzeitig zum Sonnenuntergang den Rand der Wüste.

Chasing the sunset

Unsere Karawane reitet – oder besser gesagt schaukelt – stilecht auf Dromedaren und begleitet von einem orange leuchtenden Sonnenuntergang in das riesige Sandmeer hinein. Ab und zu fegt ein sanfter Wind über die Dünen und weht mir unzählige kleine Sandkörner ins Gesicht, die sich wie tausend piksende Nadeln auf meiner Haut anfühlen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie sich ein Sandsturm in der Wüste anfühlen muss – mir fällt es auch so schon schwer genug, meine Augen offen zu halten. Ein bisschen beneide ich die Dromedare jetzt schon um ihre schönen, langen Wimpern, die sie vor dem Sand schützen.


»Yallah, yallah!«

Nach schätzungsweise eineinhalb Stunden ungedämpftem auf und ab und ein paar blauen Flecken mehr am Popo, erreichen wir unser bereits in die Dunkelheit der Nacht getauchte Wüstencamp, welches eingebettet zwischen den bis zu 150 Meter hohen Dünen liegt. In den Zelten liegen dünne Matratzen auf dem kargen Boden und ein paar löchrige Wolldecken zieren unsere Unterkunft für die Nacht. Noch ahne ich nicht, dass ich diese Nacht trotz mehrerer Schichten Klamotten, zwei Jacken, Schal, Kapuze, Handschuhen und wie ein Rollmops in mehreren Schichten Decken eingehüllt eher durchzittere als durchschlafe, bis uns am nächsten Morgen ein rhythmisches Klatschen und übermotivierte »Yallah, yallah!« – Rufe aus dem Zittern reißen.

»No food, no bonfire«

Doch zurück zum Anfang. Der allabendliche Hunger treibt mich aus dem kleinen Zelt zu dem großen Hauptzelt in der Mitte des Camps. Davor treffe ich auf einen meiner Mitreisenden, dem es genauso ergeht wie mir. Vor dem Zelt finden wir einen grimmig dreinschauenden Berber und fragen ihn, ob es später noch Abendessen oder ein Lagerfeuer geben wird. Er sieht uns grimmig an und brummelt etwas von: »No food, no bonfire«. Dieser Spruch wird später zum Running Gag und sorgt auch heute noch für ordentlich Gelächter bei uns.

Mit der Dunkelheit hält auch die Eiseskälte Einzug in der Wüste und wir sehnen uns nach einem wärmenden Lagerfeuer. Da wir noch immer fest an das »No food, no bonfire« -Versprechen unseres Lieblingsberbers glauben und aus der Ferne ein leises Trommeln vernehmen können, schleichen wir uns in ein benachbartes Luxuscamp. Wir tanzen bei Vollmond mit den Berbern zu den rhythmischen Klängen der Trommeln ums Lagerfeuer und geben Songs aus unseren jeweiligen Landessprachen zum Besten.

Das letzte Abendmahl

Entgegen unserer Erwartungen gibt es dann doch noch irgendwann eine dampfende Tajine mit Couscous, gedämpftem Gemüse und ein bisschen Hühnchen, begleitet von überzuckertem Minztee. Einziges Manko: Die Tajine soll acht von uns hungrigen Möchtegern-Nomaden satt machen. Auch diesen Schock meistern wir mit Bravour und teilen Hühnchen und Minztee wie Jesus Brot und Wein beim letzten Abendmahl.

How can life be what you want it to be when your heart’s not open?

Hier liege ich nun in einer Vollmondnacht wie aus dem Bilderbuch unter dem funkelnden Firmament der Wüste im kühlen Sand auf einer Düne und starre hinauf zur Milchstraße.

Unendliche Weite. Stille.

Überwältigt von all diesen unerwarteten Begegnungen und Eindrücken, die ich in dieser und der vorherigen Nacht erleben durfte. Madonna. Frozen. Wie bizarr. In meinem Kopf läuft der Song immer noch in Dauerschleife.

Plötzlich macht so vieles Sinn. How can life be what you want it to be when your heart’s not open? Es klingt kitschig, aber fühlt sich genauso an, wie ich es beschreibe: In dieser kalten Dezembernacht in Marokko haben wir unsere Herzen geöffnet, ein Lächeln verschenkt und so vieles mehr zurückbekommen. Madonna hatte verdammt Recht 1998.


It’s those little human moments that stick with you forever, the random acts of kindness.
– Anthony Bourdain

Pictures by brainwork! art