Gemeinsam mit ein paar Jungs aus den Niederlanden, England, Japan, Australien und den USA, die ich in meinem Hostel in Marrakesch kennengelernt habe, mache ich mich auf den Weg zu einer dreitägigen Tour, deren Highlight eine Nacht in der Wüste werden soll. Am Ende tanze ich mit Berbern in Dauerschleife zu Madonnas Frozen durch die Nacht.

Mittlerweile ist es acht Uhr abends und wir befinden uns in einem kleinen Gästehaus irgendwo im Nirgendwo zwischen der Saharawüste und Marrakesch. Einer der Jungs kommt auf die glorreiche Idee, sich in einem muslimischen Land, in dem es so gut wie keinen Alkohol gibt, auf die Suche nach Bier zu begeben. Laut unserem niederländischen Freund Felix befindet sich wohl »nur« rund zwei Kilometer zu Fuß von unserer Unterkunft entfernt ein kleines Kiosk, in welchem wir auf das flüssige Gold stoßen sollten. Das erscheint mir in diesem Moment zwar recht unglaubwürdig, aber nun gut (es ist stockdunkel, keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen und nur vereinzelt stehen ein paar kleine Häuschen am Straßenrand). Da es noch so früh am Abend ist und wir sowieso kein spannenderes Alternativprogramm in petto haben, lassen wir uns also breitschlagen und ziehen zu fünft los.

Irgendwo im Nirgendwo zwischen Wüste und Marrakesch

Nachdem wir bereits etwa dreißig Minuten in der Eiseskälte der Nacht durch die Finsternis der marokkanischen Pampa getigert sind, erspähen wir plötzlich in der Ferne ein kleines Lehmhäuschen, in dem ein schwaches Licht brennt. Laut unserem Freund aus den Niederlanden und Google Maps MUSS das der Kiosk sein, an dem wir unser heißersehntes Getränk bekommen. Wir klopfen zaghaft an der angelehnten Tür und ein bereits ziemlich angetrunkener Mann sitzt rauchend in einem kargen, grauen Raum und wirkt überglücklich, als er uns sieht. Mit einem breiten Lächeln winkt er uns herein und wir betreten den winzig kleinen Raum, dessen Mittelpunkt ein grüner Plastiktisch mit ein paar kaputten Holzstühlen drum herum bildet. Eine staubige Shisha ziert den ansonsten leeren Tisch. In der Ecke steht eine Box mit schätzungsweise dreißig Hühnereiern, die uns der Mann stolz präsentiert. Diese Hühnereier werden im Laufe des Abends noch eine nicht zu unterschätzende Rolle einnehmen.

Anamar, der Glückliche

Unser Berber-Gastgeber stellt sich uns euphorisch vor, seinen Namen haben wir aber bis heute wohl nie wirklich verstanden. Die Berber bezeichnen sich selbst als »freie Menschen« und einige von ihnen leben sogar heute noch als Nomaden. Unser neuer Freund gestikuliert wild herum und deutet auf seine Shisha. Da er nur der Berbersprache und einiger weniger Fetzen Französisch mächtig ist, fassen wir das Ganze als Einladung auf und nehmen jeweils auf einem der Stühle Platz. Anamar (nennen wir ihn jetzt einfach mal so, denn dieser Name bedeutet übersetzt »der Glückliche« und das beschreibt ihn ziemlich gut) schnappt sich eine alte Coca-Cola Plastikflasche, die mit einer durchsichtigen Flüssigkeit bis zum Rand gefüllt ist und wiederholt die Worte »des épices, des épices de nos montagnes«, während er mit wilden Gesten gen Berge deutet.

Er kommt näher etwas zu nahe für meinen Geschmack und ich kann seinen stark alkoholisierten Atem riechen. Er verschwindet für zehn Minuten und kommt mit einem kleinen grünen Zweig zurück, den er in seinen rauen, ledrigen Händen hält, und hält mir diesen unter die Nase. Riecht nach Zeder. Das ist also die geheime Zutat für seinen selbstgebrannten Schnaps, die er in den Bergen sammelt. Er gießt die transparente Flüssigkeit in ein altes, mit schmutzigen Schlieren übersätes Glas. Zumindest versucht er es – das meiste davon landet aufgrund seiner mangelnden Koordinationsfähigkeit, welche auf seinen vorherigen Alkoholkonsum zurückzuführen ist, auf dem grauen Lehmboden. Meine Begleiter und ich nehmen einen höflichen Schluck und mir ätzt es fast die Speiseröhre weg.

»Mon voisin, il parle anglais.«

Unser beschwipster Gastgeber verschwindet erneut und murmelt vor sich hin: »Mon voisin, il parle anglais.« Mein karges Schulfranzösisch reicht gerade noch aus, um zu verstehen, dass er sich wohl auf die Suche nach seinem Nachbarn macht, da dieser ein paar Brocken Englisch zu sprechen scheint. Und siehe da, ein paar Minuten später taucht ein junger Berber im Türrahmen auf, in seiner Hand ein nigelnagelneues iPad. Moment Mal, ein iPad? Nun ja, der scheinbar einzige Song, den der junge Marokkaner auf dem iPad abspielen kann, ist Madonnas Song Frozen aus dem Jahre 1998.

You only see what your eyes want to see
How can life be what you want it to be
You’re frozen
When your heart’s not open

Das halbe Dorf auf fünf Quadratmetern

Innerhalb der nächsten halben Stunde war der winzige Raum voll bepackt mit neugierigen Einheimischen. Wir trinken, rauchen und lachen zusammen und tanzen die nächsten Stunden in Dauerschleife zu Frozen. Es hat sich schnell herumgesprochen, dass Anamar seltene Gäste zu Besuch hat. Das komplette Dorf scheint sich mittlerweile auf den geschätzten fünf Quadratmetern versammelt zu haben, um gemeinsam mit uns zu feiern. Anamar schnappt sich ein paar Eier aus der Schachtel und tanzt mit ihnen durch den Raum, als wären es Rasseln. 

Doch was feiern wir eigentlich? Die Gastfreundschaft? Die Kulturen? Die Musik? Das Reisen? Uns? Und plötzlich fühle ich mich überhaupt nicht mehr allein. Ich befinde mich in einem mir fremden Land in einem Raum voller Fremder und doch fühlen wir uns alle irgendwie miteinander verbunden. Die Reisenden aus aller Welt und das einheimische Berbervolk, das uns nicht herzlicher hätte aufnehmen können. Wir feiern miteinander das Leben. Ich fühle, wie das Glück in mir überquillt.

✹ Fortsetzung folgt in Marokko Part III: Nomaden im Herzen – Was mir Madonna in der Wüste über das Leben lehrte