Es gibt sie tatsächlich noch: Diese magischen Orte auf der Erde, die eine Anziehungskraft auf einen ausüben, der man sich nur schwer entziehen kann. Orte, die einen irgendwie verändern. Marrakesch ist einer von ihnen.

Als ich mich am Morgen im geschäftigen Treiben auf dem Jemaa el Fna – dem Platz der Geköpften – im Zentrum Marrakeschs befinde, ahne ich noch nicht, dass ich am nächsten Abend irgendwo im Nirgendwo mit Wildfremden eine spontane Party in einem traditionellen Berberhaus feiern und in Dauerschleife zu Madonnas Hit Frozen aus dem Jahr 1998 tanzen werde. Doch dazu mehr im nächsten Teil meines Marokko-Berichts.

Nach einer für mich wirklich unschönen Trennung beschließe ich, zu verreisen. Reisen ist ja bekanntlich die beste Medizin gegen Kummer aller Art: einfach mal abhauen, sämtliche Probleme und Sorgen zu Hause lassen und so tun, als hätte es diese nie gegeben. Nur dieses Mal ist etwas anders – ich fühle mich irgendwie einsam.

Gefangen im bedrohlichen Labyrinth der Souks

Wie ich so durch die Medina der Roten Stadt am Fuße des schneebedeckten Hohen Atlas schlendere, ziehen Eselskarren an mir vorbei, die bis obenhin mit Undefinierbarem beladen sind und knatternde Mopeds hupen sich in rasend schneller Geschwindigkeit ihren Weg durch die engen Gassen frei. Es grenzt fast an ein Wunder, dass ich nicht überfahren werde nur einmal streift ein Moped leicht mein Bein und ich entkomme nur knapp einer Amputation. Achtung! Vorne rechts ein aufdringlicher Verkäufer lieber schnell so tun, als hätte ich ihn nicht gesehen. Mist, zu spät. Er kommt mit einem breiten Grinsen auf mich zu und lässt sich leider auch nicht von einem freundlichen »Non, merci« beirren. »Come in, have a look, I will make you a good price, my friend.« Nein danke mein Freund, Handeln ist leider so gar nicht meins mit mir würden die aufdringlichen Händler wohl das Geschäft ihres Lebens machen.

Mit einem Schlag ändert sich die Szenerie, die trubeligen Souks habe ich unbemerkt bereits weit hinter mir gelassen, der süße Duft von Minztee ist längst verflogen und weit und breit sind keine Touristen oder spielenden Kinder mehr auf der Straße zu sehen. Ein ziemlich ernst dreinblickender, stämmiger Mann stellt sich mir in den Weg:

»Not this way, la place is the other way. You can’t go this way, Madame

Hast du nur einen Tag in Marokko, dann verbringe ihn in Marrakesch. Hast nur nur eine Stunde, dann verbringe sie auf dem Jemaa el Fna.

– Marokkanisches Sprichwort

Der Legende nach sollen auf dem zentralen Marktplatz Jemaa el Fna, der von den Einheimischen lediglich »la place« genannt wird, während der Herrschaft der Almohaden öffentliche Hinrichtungen stattgefunden haben. Die aufgespießten Köpfe der Exekutierten wurden dann als Abschreckung auf dem Platz zur Schau gestellt. Bevor bald auch mein Kopf auf einem der Spieße landet, drehe ich panisch um und will so schnell wie möglich hier weg, doch schon springt mir der nächste Anwohner in den Weg und deutet in die komplett entgegengesetzte Richtung. Ich gebe zu, langsam wird mir dann doch ein wenig mulmig zu Mute, wie ich hier so mutterseelenallein durch das enge Gassengewirr der mir so unbekannten Souks eines fremden, nordafrikanischen Landes umherirre.

Bin ich zu gutgläubig auf Reisen? Ist es vielleicht gar nicht einmal so ungefährlich, alleine als dunkelblonde, hellhäutige und unverhüllte Frau so blauäugig durch die Gassen Marrakeschs zu schlendern? Langsam höre ich die Stimme meiner Mutter im Hinterkopf lauter werden, die aufgeregt auf mich einredet: »Na, du spinnst wohl?!« Vielleicht hat sie ja Recht. Vielleicht spinne ich. Vielleicht hat sie aber auch ausnahmsweise einmal nicht Recht zumindest hoffe ich das in diesem Moment sehr.

Wenn die Sonne untergeht, erwacht der Platz zum Leben

Mit Einbruch der Dunkelheit füllt sich der Platz zunehmend mit Menschen und es herrscht schlagartig eine ganz andere Stimmung in der Stadt umgeben vom rhythmischen Sound der Trommeln fühle ich mich mit einem Schlag wie mitten in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Nach gegrilltem Fleisch und scharfen Gewürzen duftende Rauchschwaden ziehen aus den provisorisch aufgebauten Garküchen auf und mystische Schlangenbeschwörer, Affen-Dompteure, waghalsige Feuerschlucker, Gaukler, Henna-Tattoo-Künstlerinnen, Wahrsager, Geschichtenerzähler, fliegende Händler und sogar mobile »Zahnärzte« bestimmen das Bild des pulsierenden Platzes. Alle versuchen, die Aufmerksamkeit der Touristen auf sich zu ziehen. Passt man nicht auf, so wird einem gerne einmal ungefragt ein Tattoo im Vorbeigehen verpasst und prompt Geld dafür verlangt.

»You look skinny my friend

Nun ja mein Freund, mein Hunger hält sich gerade noch in Grenzen, so dass ich nicht vom Fleisch falle, danke dir. Die mobilen Essensstände locken mit marokkanischen Spezialitäten wie die in den typischen Lehmgefäßen zubereitete Tajine, Couscous und Fleischspießen, aber auch mit exotischen »Leckereien« wie Schafsköpfen oder Schneckensuppe. »Come to number 16, we have the best tajine in the world, my friend!« Ah ja, also genau wie auch Stand Nummer 3, 24, 37, 43 und 68.

Ich kann nachvollziehen, was meine Freunde damals wohl meinten, als sie mir vor meiner Reise nach Marokko von ihrem Kulturschock berichteten. Dennoch ist es eben genau dieses allabendliche orientalische Spektakel auf dem lebendigen Platz, diese surreale Szenerie, die mich wahnsinnig in den Bann Marrakeschs zieht.

There are certain places on the surface of the earth that possess more magic than others. And one of these places is Marrakech.

– Paul Bowles